U-Bahnhof Lohring, Bochum

Ein beleuchteter Glasboden überrascht.

Wohl eher selten wird der Benutzer einer Stadtbahn von Neugierde getrieben in einen Untergrundbahnhof hinabsteigen. Der schiere Gebrauchswert des verkehrstechnischen Zweckbaus rückt die U-Bahn-Station nicht primär als gestaltete Architektur in unser Bewusstsein. Wir benutzen den Bahnhof, indem wir ihn meist hastig betreten, um uns eine kurze Weile darin aufzuhalten und ihn dann per Bahn möglichst schnell wieder zu verlassen – und umgekehrt.

Anders verhält es sich bei dem neuen U-Bahnhof Lohring in Bochum. Die Architekten Rübsamen und Partner entwickelten für diesen öffentlichen Raum eine eindrucksvolle Gesamtinszenierung durch die Integration von Architektur, Lichtkunst und Klang. Sie schufen zusammen mit zwei Künstlern ein einzigartiges, sinnliches Gesamterlebnis. Im Rahmen dieses Gesamtkonzeptes spielt der von unten beleuchtete Glasboden des Bahnsteiges eine nicht unbedeutende Rolle.

Die 95 m lange Halle des U-Bahnhofes Lohring ist beim Hinabsteigen der Treppen visuell vollständig erfassbar. Der Benutzer vermag außerdem im vorderen Abschnitt der gewaltigen Röhre eine leichte Rechtsbiegung wahrzunehmen. Geht er den Bahnsteig zwischen den beiden Gleisen entlang, fällt ihm ferner auf, dass der Boden langsam ansteigt und sich im letzten Drittel der Halle die Decke nach oben aufweitet. Sein Blick gleitet über einen von unten beleuchteten Glasboden und wird von einer gigantischen roten Wand am Ende des Bahnsteiges aufgefangen.

Der unterirdische Raum wird im U-Bahnhof Lohring mit Hilfe von Licht und Dunkel thematisiert. Licht wird hier zum immateriellen Baustoff, der mit der Wahrnehmung der Fahrgäste spielt. Die gesamte Bahnsteigfläche zwischen den beiden Gleisen ist mit einem Boden aus quadratischen Glasplatten aus VSG belegt und mittels einer Reflektorentechnik vollständig von unten beleuchtet. Die Lichtquelle unter dem Glas ist nicht sichtbar, aber anhand der höheren Lichtintensität an den Bahnsteigrändern auszumachen. Es wird ein weiches Licht erzeugt, das die reflektierenden Farbwerte im dunkleren Gewölbebereich besonders klar und lebendig erscheinen lässt. Der Bewegung in Zeit und Raum setzt die beleuchtete Glasfläche einen zentralen Ruhepol entgegen. Die meditative Lichterscheinung fordert den Fahrgast im automatisierten Ablauf unseres hektischen Alltags zu Einhalt und Besinnung auf.

Einhalt gebietet das von der Künstlerin Eva-Maria Joeressen entworfene Lichtkreuz in der roten Abschlusswand am Ende des Bahnsteiges. Hier läuft alles zusammen. Dem Benutzer der
U-Bahn-Station bietet es Orientierung. Wand und Lichtkreuz geben dem Bahnsteig einen Endpunkt und dem Auge Halt. Die dynamische Licht-Doppellinie, der zweite Teil ihrer Lichtarbeit, steht der ruhigen Lichtfläche des Bahnsteiges sowie der abschließenden roten Wand als Kontrapunkt entgegen.

Für die Architekten lag es nahe, das Raumerlebnis im U-Bahnhof Lohring auch akustisch zu vervollständigen. Der Klangkünstler Klaus Kessner schuf ein Echtzeit-Klang-Environment, das die akustischen Ereignisse in der U-Bahn-Station zur Grundlage hat. Der Klang verändert sich und verwandelt die Halle in eine Bühne, in der musikalische, bildnerische, architektonische und theatralische Elemente zusammenwirken. Es agieren Fahrgäste und U-Bahn-Züge.

Mit der Herstellung des Glasbodens wurde der holländische Glasspezialist F. van Tetterode Glasatelier B.V. beauftragt. Tetterode konnte dabei auf seine langjährige Erfahrung in der
Produktion von Glasböden für den holländischen Markt aufbauen. Da sie allerdings nicht alle Leistungen selbst ausführen konnten, arbeiteten sie hier eng mit dem deutschen Sicherheitsglas-Spezialisten Flachglas Wesel GmbH zusammen. Dass die für diesen Glasboden hergestellten, teilweise nur um wenige mm voneinander abweichenden Modellscheiben so qualitativ hochwertig produziert und passgenau vor Ort eingebaut werden konnten, war nur dank der perfekten Zusammenarbeit dieser beiden Glasfirmen möglich.

Die gesamte Bahnsteigfläche von 550 qm ist im Sinne eines Leuchtkörpers entwickelt. Aus diesem Grund sind die Scheiben – im Regelfall ca. 964 mm x 964 mm groß – auf jeweils vier Viertelkreisflächen punktgelagert. Die höhenverstellbaren Stelzlager haben einen Durchmesser von 100 mm. Die Aufständerung des Glases beträgt im Mittel 220 mm. Die Gläser bestehen aus drei jeweils 12 mm dicken ESG-Scheiben, welche zu einem VSG-Verbund laminiert wurden. In einem ersten Schritt hat Tetterode die Gläser für die obersten Scheiben zur Sicherstellung der Rutschfestigkeit mit einer sandgeschmolzenen Oberfläche ausgestattet. Durch Flachglas Wesel wurden die untersten Scheiben mit einem Ätzton-Siebdruck versehen, um die gewünschte lichtstreuende Wirkung des Glasbodens zu erreichen. Ebenso wurden die Scheiben auch geschnitten, geschliffen und vorgespannt, um anschließend laminiert zu werden.
Da sich die Modellscheiben nur um mm unterscheiden, waren eine genaue Kennzeichnung sowie hervorragende Koordination und Logistik gefragt.

Die Statik des Glasbodens wurde für die Befahrung mit einem Feuerwehrrettungswagen ausgelegt. In den Randbereichen sind unterhalb des Blindleitstreifens aus Aluminiumguss, der auch als Revisionsöffnung dient, die Leuchten montiert. Zur Lichtlenkung liegen im Zwischenraum weiße Reflektorbleche.

Die Architekten Rübsamen und Partner haben hier zusammen mit den Künstlern gezeigt, was Stadtbaukunst in der Praxis vermag. Der neue U-Bahnhof Lohring in Bochum ist zum Vorzeigeobjekt eines modernen Verkehrsbauwerkes in NRW geworden.

 

Objekt – Daten

Querschnitt durch den Bahnhof

7-38

Details Glasboden

8-38

Querschnitt

9-38

Auftraggeber:
_ Bochum-Gelsenkirchener Stadtbahnverpachtungsgesellschaft des Bürgerlichen Rechts, vertreten durch das Tiefbauamt Bochum, Abt. Stadtbahn

Architekten:
_ Rübsamen + Partner Architekten BDA Ingenieure, Bochum
_ Holger Rübsamen , Boris E. Biskamp

Tragwerksplanung Ausbau:
_ Rübsamen + Partner Architekten BDA Ingenieure, Bochum

Kunstkonzept:
_ Eva-Maria Joeressen

Klanginstallation:
_ Klaus Kessner

Lichtplanung:
_ Lichtdesign, Königsdorf
_ Heinrich Kramer

Glasboden:
_ F. Van Tetterode Glasatelier B.V.
_ Flachglas Wesel GmbH

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Die exklusiv hergestellten Modellscheiben sind auf jeweils vier Viertelkreisflächen punktgelagert.

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Die gesamte Bahnsteigfläche ist mit quadratischen Glasplatten belegt und vollständig von unten beleuchtet.

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Die 95 m lange Halle ist beim Hinabsteigen der Treppen visuell vollständig erfassbar.

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Der U-Bahnhof Lohring ist eine beeindruckende Inszenierung aus Architektur, Lichtkunst und Klang.

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Die Gläser bestehen aus drei jeweils 12 mm dicken ESG-Scheiben, die zu einem VSG-Verbund laminiert wurden.